Bafin warnt vor Niedrigzinsen

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Barin warnt vor Niedrigzinsen

Die aktuelle Niedrigzinsphase gefährdet möglicherweise die Finanzinstitute, warnt die Finanzaufsicht Bafin. Schlimmer noch: Es ist die Rede von rekordverdächtigen Niedrigzinsen, die Finanzunternehmen in die Bredouille bringen könnten. Möglicherweise könnte es gar so weit kommen, dass Pensionskassen ihre Leistungen nicht mehr komplett aus eigener Kraft erbringen können. Schon seit Anfang des Jahres will die Aufsicht verschiedene Finanzinstitute besonders ins Visier nehmen. Aber woher kommt der Niedrigzins und mit welchen Folgen kann oder soll man nun rechnen?

Die wichtigsten Punkte auf einen Blick:

  • Mögliche Ursachen für Niedrigzinsen sind u.a. Demografie, sinkender Konsum und zu hohe Exporte.
  • Hochstapler nutzen Unsicherheit mit unrealistischen Anlageversprechen aus.
  • Die Mittelschicht ist am stärksten betroffen, sie verliert am meisten prozentual zum Einkommen.

Niedrigzinsen durch Sparer und demografischen Wandel?

Der Leitzins wurde im März 2016 von der Europäischen Zentralbank (EZB) erstmals auf 0 Prozent festgelegt. Hinter dieser Entscheidung stecken verschiedene komplexe wirtschaftliche Faktoren. Als ein Grund für die niedrigen Zinsen hierzulande wird nicht selten die demografische Entwicklung in Deutschland genannt.

Der Teil der Bevölkerung, der von Kapitalerträgen – etwa aus einer Lebens– oder Rentenversicherung – lebt, statt sein Geld durch Arbeit zu beziehen, wird immer größer. Dieser Teil ist wirtschaftlich also nicht aktiv und trägt nicht zu einem positiven Bruttoinlandsprodukt bei. So wird die Kluft zwischen schrumpfender Bevölkerung und steigendem Lebensstandard immer größer – mit dem Ergebnis einer nur schwach bis gar nicht wachsenden Wirtschaft.

Andere sehen die Schuld eher bei den Sparern, die ihr Geld lieber horten, statt es auszugeben – und zwar sowohl auf privater als auch auf staatlicher Ebene. Kritiker wünschen sich mehr Investitionen von Privatpersonen und dem Staat, um die Wirtschaft anzukurbeln. Mögliche Gründe für den zurückhaltenden Konsum sind z.B. die Angst vor politischen Unruhen oder einer erneuten Finanzkrise.

Diese Unsicherheit sorgt dafür, dass Menschen lieber sparen, auch wenn ihnen das fast nichts einbringt. Auch das an sich positive Export-Hoch könnte eine Rolle spielen. Deutschland hat einen sogenannten Export-Überschuss, d.h. es fährt mehr Waren aus als es ins Land bringt. Hält ein solcher massiver Export-Überschuss über mehrere Jahre an, wird das als ungesund für die Wirtschaft erachtet.

Was bedeutet das Zinstief für Geldanleger?

Was bedeutet der Niedrigzins für Anleger? Im Schnitt belaufen sich Zinszahlungen auf das Tages- oder Festgeldkonto aktuell auf gerade einmal 0,41 Prozent – damit hält sich dieser Wert in etwa die Waage mit der aktuellen Inflationsrate, die bei etwa 0,40 Prozent liegt. Sparer kommen somit mit ihrem Vermögen ungefähr bei Null raus. Alles also gar nicht so schlimm? Leider muss man davon ausgehen, dass die Inflation in den nächsten Jahren steigen wird. Wenn der Zins damit nicht in vergleichbarem Maß mithält, ist die Inflation schließlich hoher als der Zins – und das Geld auf klassischen Festzinskonten nimmt nach und nach ab.

Was heute wichtig ist: Nicht unüberlegt handeln, um das Beste aus dem Zinstief rauszuholen. Das führt bei Laien und unzureichend informierten Personen nicht selten zu Fehlentscheidungen mit entsprechenden Konsequenzen. Schon jetzt warnen Verbraucherschützer vor Betrügern, die mit vermeintlich seriös wirkenden Anlagemodellen und hohen Zinsversprechen gerade Kleinanleger um ihr Erspartes bringen.

Es gilt: Erst denken und abwägen, dann eventuelle Handlungen einleiten. Am besten wenden Sie sich an einen Berater, den sie schon lange kennen, und dem Sie vertrauen können. Werden Sie misstrauisch, wenn eine Anlage mit hohen Zinsen lockt und dabei als „garantiert sicher“ angepriesen wird. Was zu schön klingt, um wahr zu sein, ist meistens leider genau das.

Aktuell in Erwägung zu ziehen sind aufgrund des recht stabil eingeschätzten Zinssatzes beispielsweise Dividendenaktien. Auch die Anlage in Investmentfods, Immobilien(fonds) oder Aktien sind eine Möglichkeit. Ganz wichtig ist, das eigene Vermögen durchzurechnen: Was sind geeignete Alternativen, welche Verluste kann ich verkraften, wie hoch darf das Risiko für mich individuell sein?

Wen treffen die Niedrigzinsen schlimmer – reich oder arm?

In absoluten Zahlen gesehen trifft der Niedrigzins besonders die Reichen. Die Rechnung scheint einfach: Wer mehr Geld auf Sparkonten anlegen kann, der kann auch mehr Zinsen dafür bekommen. Dementsprechend ist der Verlust größer, wenn ebendiese Zinsen gegen Null gehen. Betrachtet man nun aber die Verluste prozentual zum Haushaltseinkommen, so sind vor allem die Angehörigen der Mittelschicht die Verlierer – ihnen entgehen im Schnitt 0,9 Prozent ihres Einkommens, bei den Großanlegern sind es nur 0,5 Prozent.

Der Grund dafür: Haushalte mit normalem Einkommen leben zum größten Teil von ihren Gehältern. Dieses kann dementsprechend nicht oder nur zu geringen Teilen langfristig angelegt oder in riskante aber profitable Anlagestrategien wie Aktien investiert werden. Damit schnell darauf zugegriffen werden kann, liegt das Geld also oft auf Tages- oder Festgeldkonten und ist somit liquide. Gerade auf diese flexible Konten gibt es aber kaum Zinsen. Das bedeutet eine Stagnation des Vermögens. Im schlimmsten Szenario wird das Vermögen durch die Inflation langfristig sogar regelrecht „aufgefressen“.

Im Gegensatz dazu geben die Banken Zinssenkungen z.B. für Baukredite weniger bereitwillig an ihre Kunden weiter – ein Umstand, der häufig kritisiert wird. Denn dieser erschwert gerade den mittelständischen Kunden den Schritt, ihr Geld möglicherweise in Immobilien zu investieren. Wer aber gerade eine Hypothek aufnimmt oder einen Kredit mit flexibler Zinsrate abzuzahlen hat, profitiert dennoch in diesem Bereich.

Reiche können besser anlegen – die Ärmsten verlieren nichts

Die untersten 20 Prozent der Einkommenspyramide schließlich müssen sich am wenigsten Gedanken un die Niedrigzinsen machen. Bei ihnen liegt das Einkommen so niedrig, dass sie wenig bis nichts auf die hohe Kante legen. Sie sind also von Zinsschwankungen nicht betroffen. Der Rattenschwanz an langfristigen Problemen, die sich durch die niedrigen Zinsen ergeben können, betrifft aber natürlich die ganze Bevölkerung – etwa geringere Kaufkraft, steigende Preise und die von der Bafin befürchtete Zahlungsunfähigkeit der Pensionskassen.

Die Gruppe der Reichen scheint eines richtig zu machen: Sie legt an. Das ist allerdings natürlich nicht so einfach zu bewerkstelligen. Um anlegen zu können, muss natürlich auch etwas vorhanden sein. Wer mehr Geld hat oder über Vermögen besitzt, auf das er verzichten kann, geht natürlich auch leichter das Risiko von Aktienanlagen ein.

Das lohnt sich: Die Aktienkurse haben sich gut entwickelt, der Gewinn ist somit vergleichsweise hoch. Dennoch sind die Auswirkungen der Niedrigzinsen auf die immer breiter werdende Kluft zwischen Arm und Reich nur geringfügig. Der größte Faktor hierfür ist nach wie vor die steigende Ungerechtigkeit bei den Einkommen.

Bildquelle Headerbild: Wavebreak Media Ltd/Wavebreak Media/Thinkstock

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